Geschichte/Chronik

Der Stuttgarter Liederkranz 1824 e. V.
Ein Stück Stuttgarter Kultur- und Musikgeschichte:

Der Stuttgarter Liederkranz wurde 1824 als Verein in Stuttgart gegründet...

... die aktuellen Ergebnisse der Geschichtsforschung des Vereins weisen jedoch darauf hin, dass seine Vorgeschichte bereits 44 Jahre früher beginnt und ihren Ursprung in der 1770 von Herzog Carl Eugen gegründeten Hohen Carlsschule hat: Nach ihrer Entlassung aus der Hohen Carlsschule riefen Friedrich Schiller (1759-1805) und Johann Rudolf Zumsteeg (1760-1802) am 15. Dezember 1780 eine zunächst namenlose, gesellige Vereinigung aus ehemaligen Carlsschülern ins Leben, die sich regelmäßig zum Rezitieren sowie zum vokalen und instrumentalen Musizieren traf. Noch im gleichen Monat schlossen sich diesem Zirkel junge Damen der ebenfalls herzoglichen »Ecole des Demoiselles« und Töchter aus Familien des Bildungsbürgertums, sogenannte »Stadtmädchen«, an. Diese jungen Leute hatten bereits 1776 noch im Bereich der Hohen Carlsschule, der auch eine Kunst-, Musik- und Theaterakademie angeschlossen war, die deutschsprachigen Singspiele aufgeführt, die Johann Rudolf Zumsteeg seit diesem Jahr komponierte.

Zur musikhistorischen Bedeutung Zumsteegs ist zu sagen, dass er ab 1797 etwa 300 meisterhafte Lieder und Balladen veröffentlichte, in denen er eine eindeutig vorromantische Art der Lyrik zum Ausdruck brachte, von denen Franz Schubert zahlreiche auswendig kannte und sie immer wieder spielte, weil sie ihn »zutiefst bewegten« und seiner Kompositionsarbeit wesentliche Anregungen gaben. Zumsteeg, der sehr viele Textvorlagen seines Freundes Schiller vertonte, war der erste Komponist, »der die melodische Stimmführung dem Text und der Atmosphäre des Gedichtes anpasste« (de La Grange). Mit seinen Kompositionen schuf Zumsteeg die Voraussetzungen für die Entstehung des mehrstimmigen Stuttgarter Chorgesanges, aus dem sich in der Folge die schwäbische Sängerbewegung entwickelte.

In den geselligen Zusammenkünften der ehemaligen Zöglinge der Hohen Carlsschule wurde deren musische Tradition mit Singen, Musizieren, Spielen und Tanzen fortgeführt. Trafen sich die jungen Männer alleine zum Singen und zum Kartenspiel, so kamen sie in der Regel im Gasthof »Zum Goldenen Ochsen«, einer Fuhrmannskneipe in der Hauptstätter Str. 30 in Stuttgart zusammen.

Die immer noch namenlose »Gesellschaft« gab sich 1785 den Namen »Sonntags-Abend-Gesellschaft« und verfügte mit einem Männerchor, einem Orchester und den »Frauenzimmerstimmen« über drei Klangkörper mit denen sie am 6. Februar 1781 erstmals öffentlich auftrat. Aus den »Frauenzimmerstimmen« entwickelte sich der spätere Frauenchor des Stuttgarter Liederkranzes. Die erste Leiterin des Frauenzimmerchores war Julie Schubart, die Tochter des Dichters Christian Friedrich Daniel Schubart. Ihre Nachfolgerin ab etwa 1812 bis 1857 wurde Emilie Zumsteeg, die musikalisch sehr begabte Tochter von Johann Rudolf Zumsteeg.



Am Sonntagabend des 9. Mai 1824 gaben 80 »Gesellschafter«, darunter 26 Mitbegründer der namenlosen Gesellschaft von 1780 und der Sonntags-Abend-Gesellschaft von 1785 ihrem neuen »Verein« den Namen »Lieder-Kranz«. Hofrat Andree hatte diesen Namen eine Woche zuvor anlässlich eines Benefizkonzertes zugunsten des inhaftierten Turnvaters Jahn vorgeschlagen. Nachdem sich nach 1824 hunderte von Liederkränzen gebildet hatten, wurde zur deutlichen Unterscheidung der Name »Stuttgarter Liederkranz« gewählt.

Die persönlichen und freundschaftlichen Beziehungen der 26 Gründungsmitglieder des Vereins zu Friedrich Schiller waren wohl das Motiv dafür, dass sich der Stuttgarter Liederkranz schon in seiner ersten Satzung verpflichtete, »die Erinnerung an große Deutsche wachzuhalten«. Dadurch nimmt die Verehrung Friedrich Schillers durch den Stuttgarter Liederkranz bis beute einen besonderen Stellenwert ein.

Der Stuttgarter Liederkranz richtete anfangs seine Aktivitäten nicht nur an den üblichen nationalen Bestrebungen aus. Tradiert aus der Zeit vor der Vereinsgründung und dem sozio-kulturellen Umfeld im Herzogtum Württemberg verfolgte er kulturell breit angelegte Ziele im Bereich von Dichtung und Musik. Er war Initiator und Vordenker in dem sich mächtig entwickelnden Laienchorwesen, was sich deutlich in den vielfältigen Kontakten des Vereins zu führenden Persönlichkeiten des Musikschaffens, der Literatur, des öffentlichen und politischen Lebens sowie zu namhaften Dirigenten, Sängern und Schauspielern des Hoftheaters niederschlug. Bereits bei der Sonntags-Abend-Gesellschaft verkehrten Männer wie Carl Maria von Weber, Konradin Kreutzer, Johann Heinrich Dannecker, Nicolaus Thouret, Gottlob Heinrich Rapp, Johann Friedrich Cotta sowie Johann Gottfried von Herder. Vor fast 175 Jahren gehörten Ludwig Uhland, Gustav Schwab und Wilhelm Hauff zu den geistigen Führern des Stuttgarter Liederkranzes, wobei Eduard Mörike und Justinus Kerner im Verein ebenfalls prägend gewirkt haben. Dr. Albert Schott, Freund und politischer Gesinnungsgenosse Uhlands, war der erste Vorsitzende des Vereins. In der Fortsetzung von Johann Rudolf Zumsteeg haben vor allem Konrad Kocher, Franz Lachner nach seiner Wiener Zeit kgl.-bayr. Generalmusikdirektor in München, Friedrich Silcher, Peter Joseph Lindpaintner, kgl. Hofkapellmeister in Stuttgart, und Immanuel Faißt die musikalische Entwicklung des Stuttgarter Liederkranzes beeinflusst. Alle diese Persönlichkeiten, die zur geistigen, politischen und künstlerischen Elite in unserem Land zählten, wurden neben anderen (z.B. die jeweiligen Oberbürgermeister der Stadt Stuttgart) zu Ehrenmitgliedern des Vereins ernannt.

Bald nach seiner Gründung verfügte der Stuttgarter Liederkranz durch den Beitritt der »Frauenzimmerstimmen« unter Emilie Zumsteeg auch über einen »Frauenzimmerchor«, was für das damalige Verständnis eine fast revolutionär anmutende emanzipatorische Leistung des Vereins darstellte. Einige Jahre später entstand das Orchester im Stuttgarter Liederkranz, dessen ursprüngliche Gründung auf den 15.12.1780 zurückgeht; es besteht bis beute und vereint z. Z. 40 Laienmusiker.

Um seiner Schiller-Verehrung nachhaltig Ausdruck zu verleihen, beschloss der Verein, der Stadt Stuttgart ein gegossenes Denkmal zu stiften, das von Bertel Thorvaldsen, Bildhauer und Sohn des isländischen Galionsschnitzers, geschaffen und auf dem »Schillerplatz« aufgestellt wurde. Am 8. Mai 1839 wurde das erhabene Monument, das bis beute »eine der intimsten Schönheiten Stuttgarts geblieben ist« (Otto Borst) und als eine der gelungensten Porträtierung des Dichters gilt, unter der Anwesenheit von 5000 jubelnden Menschen vom zwölfjährigen Enkel Schillers enthüllt. Die Festrede, deren Original sich noch heute im Archiv des Stuttgarter Liederkranzes befindet, hielt Gustav Schwab.

Das Kulturverständnis des Vereins war schon früh Antrieb, eine eigene Heimstatt und der Stadt Stuttgart ein musikalisch-kulturelles Zentrum zu errichten. 1853 wurde der Platz vor dem Büchsentor, dem heutigen Standort des »Kultur- und Kongresszentrum Liederhalle«, für 9500 Gulden erworben. Im Dezember 1864 konnte der Stuttgarter Liederkranz in seine »Stuttgarter Liederhalle« einziehen. 1875 wurde sie von Baumeister C. v. Leins um den großen, in strengster und edelster Renaissance gehaltenen Festsaal mit 60 x 22 m Grundfläche und 13 m Höhe erweitert, der neben einer meisterhaften Akustik über ein Fassungsvermögen von 2500 Konzertbesuchern verfügte. Er war damit größer als der Große Saal des Musikvereins in Wien oder schon so groß, wie das 1998 eröffnete Festspielhaus in Baden-Baden. Unter der Regie des Stuttgarter Liederkranzes wurde die Stuttgarter Liederhalle zum Zentrum des musikalischen, kulturellen und gesellschaftlichen Lebens und leistete damit neben dem Staatstheater und der Staatsoper einen wichtigen Beitrag zur kulturellen Identität der Landeshauptstadt. 

Am 8 Oktober 1943 ging die Liederhalle im Bombenhagel unter. Ein Wiederaufbau nach dem Kriege war dem Verein aus finanziellen Gründen nicht mehr möglich. Trotz verlockender Angebote aus der Wirtschaft entschieden sich die Mitglieder im Dezember 1954 für die Überlassung des Ruinengrundstückes an die Stadt Stuttgart, die das neue »Konzerthaus Stuttgarter Liederhalle« 1955/56 nach den Plänen der Professoren Abel und Gutbrod errichtete. Mit einem Festkonzert weihte der Stuttgarter Liederkranz den neuen Bau am 2. August 1956 ein und bezog kurz darauf seine eigenen Verwaltungsräume mit dem Schubert-Saal, in dem seither die wöchentlichen Proben und Vorbereitungen für Konzerte des Männer-, Frauen- und gemischten Chores sowie des Sinfonieorchesters stattfinden.

An der Gründung des Schwäbischen Sängerbundes (1849) und des Deutschen Sängerbundes (1862) war der Stuttgarter Liederkranz maßgeblich beteiligt. Durch korporative Mitgliedschaften pflegt der Verein zahlreiche Kontakte in Deutschland, Europa und Übersee und fördert dadurch die völkerverbindende Kraft der Musik.

Seit den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts hat die Vielfalt des Angebots zum Musizieren und zum »Konsumieren« von Musik derart zugenommen, dass sich die musikalische Landschaft in Stuttgart wie in anderen Großstädten stark verändert hat und durch die heutigen Medienmöglichkeiten noch weiter verändern wird. In den vergangenen fünf Jahrzehnten sind in Stuttgart zahlreiche professionelle und halb-professionelle Chöre entstanden, die in ihren öffentlichen Auftritten in «Wettbewerb« zu den auf einem hohen künstlerischen Niveau stehenden »Laien«- Chören des Stuttgarter Liederkranzes treten, was zunächst den Verein in eine schwierige Lage brachte, die jedoch gemeistert werden konnte. Der Stuttgarter Liederkranz sieht in dem Nebeneinander von professionellen und Amateurchören sich einander ergänzende Formen der Musikausübung, die ihm eine künstlerische und kulturpolitische Herausforderung bedeuten. Einerseits fordern Anspruch an das Programm und Perfektion seines Vortrags eine kontinuierliche Steigerung, die auch im Bereich der gut geleiteten Laien-Chöre immer wieder Spitzenleistungen hervorbringen kann,- andererseits wird beim gemeinsamen Musizieren spielerisch eine Grundform des menschlichen miteinander Auskommens entfaltet und gepflegt.

Von 1957 bis 1994 hat der Stuttgarter Liederkranz unter seinem Chordirektor Professor Walther Schneider im Beethovensaal, im Gustav-Siegle-Haus sowie in anderen Konzertsälen im In- und Ausland mit herausragenden Konzerten, mit Erst- und Uraufführungen vor allem im oratorischen Bereich musikalische Marksteine gesetzt, ohne dabei die Pflege des Volksliedgutes zu vernachlässigen. Aufgeführt wurden u. a. Werke der Musikliteratur großer Meister wie Händel, Gluck, Haydn, Mozart, Cherubini, Beethoven, Rossini, Donizetti, Schubert, Schumann, Mendelssohn Bartholdy, Berlioz, Liszt,
C. Franck, Bruckner, Verdi, Brahms, Bizet, Fauré, Debussy, Ravel, Hugo Wolf, Mussorgski, Dvorák, Smetana, Janácek, Kodály, Strawinsky, Sutermeister, Hindemith, Orff,
H. Reutter und nicht zu vergessen Jommelli,
J. R. Zumsteeg, Lindpaintner, Silcher sowie Kompositionen von Walther Schneider und anderen zeitgenössischen Tonsetzern.

Mit der Wahl von Chordirektor Ulrich Walddörfer ist es dem Verein Mitte 1994 gelungen, einen fähigen und kompetenten Nachfolger für Professor Schneider zu gewinnen. Unter seiner musikalischen und künstlerischen Leitung soll der erreichte hohe Standard sowohl programmatisch als auch im Vortrag weiterentwickelt werden. Wichtige Akzente in diese Richtung wurden von ihm mit den konzertanten Aufführungen Giuseppe Verdis »Nabucco« im November 1996 und mit Vincenzo Bellinis »Norma« im November 1998 gesetzt.

Eine wesentliche Aufgabe der Vereinsführung wird sein, den Stuttgarter Liederkranz, der sich in mehr als 175 Jahren zu einem bedeutenden Kulturträger in der Region Stuttgart entwickelt hat, in seiner ursprünglichen Heimat, der Stuttgarter Innenstadt zu halten. Demographische Veränderungen, Verhaltens- und Wertewandel sowie Stadflucht wirken sich auf die Mitgliederstruktur aus. Von den 700 Mitgliedern des Vereins kommt nur noch jedes dritte Mitglied aus der eigentlichen »Kernstadt«; von den insgesamt 300 aktiv Musikausübenden sind etwa ein Drittel im Umkreis von 50 km außerhalb Stuttgarts beheimatet.

Der Stuttgarter Liederkranz fühlte sich von Anfang an dem gesellschaftlichen Leben der Stadt verpflichtet. Dies kommt vor allem in den jährlichen Schillerfeiern, die um den Todestag Friedrich Schillers im Mai am Schillerdenkmal abgehalten werden, sowie bei den traditionellen Bällen, insbesondere den attraktiven Silvesterbällen im Konzerthaus Stuttgarter Liederhalle zum Ausdruck.

Link: Ereignisse der jüngeren Geschichte
Link: 50. jähriges Jubiläum der Stuttgarter Liederhalle

Stuttgarter Liederkranz


 

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