Jahresrückblick 2004

Einführungsvortrag zu Franz von Suppé
„Missa pro defunctis – Requiem“

Rudolf Grossmaier
Institut für Musikwissenschaft
Universität Wien

Mittwoch, 20. Oktober 2004, 18 Uhr
Stuttgarter Liederhalle Silchersaal
Eintritt frei

Hintergrundinformationen zum Herbstkonzert

Sonntag, 7. November 2004, 19 Uhr,
Stuttgarter Liederhalle, Beethovensaal

Franz von Suppè - als Komponist eines Requiems

„Die schöne Galathée“, „Banditenstreiche“, „Boccaccio“, „Pique Dame“ - das sind unter vielen weiteren die Namen von Operetten, die in einem Atemzug mit Franz von Suppè genannt werden. Weniger bekannt ist, dass Suppè auch geistliche Werke geschrieben hat - allen voran das „Requiem - Missa pro defunctis“ - das mit den für den Komponisten so typisch gefühlvollen Melodien, aber auch durch schwungvolle und eingehende Rhythmen beeindruckt.

Franz von Suppè

Wer war Franz von Suppè, der Komponist des Requiems?

Recherchiert man über das Leben von Franz von Suppè, so gleichen sich die Angaben: „Ein Klassiker der Operette - eigentlich Francesco Ezechiele Ermenegildo Cavagliere Suppé-Demelli - geboren 18.04.1819 in Spalato (Split, Kroatien), gestorben in Wien 21.05.1895, Komponist von 31 Operetten, C-Dur-Messe, Requiem in d-moll, Symphonie, Streichquartette, Chorwerke, Bühnenmusik“.
Untrennbar ist der Name Franz von Suppè mit der Wiener Operette verbunden. Viele unsterbliche Melodien werden mit seinem Namen sofort ins Gedächtnis gerufen, wie „Hab’ ich nur deine Liebe“ oder „Florenz hat schöne Frauen“ oder aber das Lied „Das ist mein Österreich“, das zur populärsten patriotische Melodie des 19. Jahrhunderts neben der Kaiserhymne wurde. Viele ungeheuer zündende Ouvertüren zu sonst schon vergessenen Stücken gehören auch heute noch zu festen Bestandteilen großer Konzerte der so genannten leichten Muse. Man denke nur an das Wiener Neujahrskonzert. Nur wenig ist über Suppè als Komponist ernster Musik zu lesen. Meist erfährt man nur, dass Suppè „unter anderem auch Kirchenmusik“ geschrieben habe, wozu auch das Requiem von 1855 gehöre. Dabei wird aber übersehen, dass Suppè zu diesem Zeitpunkt noch nicht an eine Karriere als Theatermusiker dachte. Das Befassen mit der „leichten Muse“ diente ihm als notwendiger Broterwerb, der es ihm ermöglichte, sich als Komponist ernster, repräsentativer Werke einen Namen zu schaffen. Zu diesen Werken ist seine Missa pro defunctis, sein Requiem - keinesfalls ein Gelegenheitswerk - zu zählen. Und kein Geringerer als Johannes Brahms hat sich äußerst anerkennend über die Bedeutung der geistlichen Werke Suppès geäußert: „Seine unglaubliche Gewandtheit in weltlichen Dingen“, so Brahms, „verdankte er eigentlich seinen geistlichen Kompositionen. Er hatte etwas gelernt“. Natürlich fehlte es auch nicht an Kritiken. So wurde das Requiem - trotz großen Anklangs beim Publikum - schon zu Lebzeiten des Komponisten, vor allem von Kritikern wie Eduard Hanslick, als „zu opernhaft“ und „zu italienisch“ abqualifiziert. Zu Unrecht. Auch das Requiem ist durch und durch „ein typischer Suppè“. Der Mann war jenseits der Alpen in Split geboren, mit italienischer Musik aufgewachsen, hatte Donizetti, Rossini und Verdi persönlich kennen gelernt und bei einem Schüler Mozarts seine Studienzeit 1840 beendet.

Suppès Requiem - mehr als eine Fußnote der Musikgeschichte

Angesichts der späteren Bedeutung von Suppè, der quasi als Gründer der Wiener Operette „abgestempelt“ war, sind seine geistlichen Werke in Vergessenheit geraten. Auch eine Wiederaufführung des Requiems 1901 erntete ebenfalls nur Unverständnis und somit verschwand das Werk bald vollständig aus dem Blickfeld der Musikwelt. Erst in jüngster Vergangenheit wird es gelegentlich wieder aufgeführt. Vielleicht steht die große „Entdeckung“ des Werks doch noch bevor?
Die Familie „von Suppé“ stammte aus Belgien. Ein Vorfahre siedelte sich in Cremona an, und einige Jahrzehnte darauf übersiedelte die Familie nach Spalato - heute Split - das damals zu Italien gehörte und unter österreichischer Verwaltung stand. Dort wirkte der Großvater des Komponisten als Kreishauptmann und italienisierte seinen Namen durch den „accento grave“, jene Schreibweise, mit der auch der Komponist selbst immer signierte, also „Suppè“. Auch sein Vater, Peter von Suppé, trat in den Staatsdienst und brachte es dort bis zum Kreiskommissär. Er heiratete die Wienerin Katherine Landowsky, die am 18. April 1819 einem Sohn das Leben schenkte, der auf den Namen Francesco Ezechiele Ermenegildo Cavaliere Suppe-Demelli getauft wurde.
Schon früh zeigte sich die musikalische Begabung des Knaben. 1820 wurde der Vater nach Zara versetzt. Dort verbrachte Franz seine Jugendzeit. Es war der Wunsch des Vaters, dass der Bub etwas „Ehrbares“ lerne und sich auf die Beamtenlaufbahn vorbereite. Franz nahm jedoch heimlich Flötenunterricht und erst nach „diplomatischer“ Überwindung des väterlichen Widerstandes erhielt er die Erlaubnis für einen geregelten Musikunterricht. Seine freie Zeit verbrachte Franz bei der Militärmusik oder im Kathedralchor, wo er mitsang und sich erste Kenntnisse in Instrumentation und Chorgesang aneignete. Bereits als Dreizehnjähriger komponierte er eine Messe, die in der Kirche des heiligen Franziskus in Zara zur Aufführung kam und 40 Jahre später als Missa dalmatica veröffentlicht wurde. Immer noch gegen eine Musikerlaufbahn eingestellt, verlangte der Vater, dass der Sohn in Padua Rechtswissenschaft studierte. Hier konnte Franz jedoch, fern der väterlichen Kontrolle, sich auch mehr der Musik widmen. Des Öfteren kam er auch nach Mailand, wo er Verdi, Donizetti und Rossini kennen lernte, die er sehr bewunderte und verehrte.

Unterricht beim Schüler des „größten Genius der Neuzeit“

Als der Vater 1835 starb, zog Franz mit seiner Mutter zu deren Eltern nach Wien. Dort sollte er zunächst das Polytechnikum besuchen und dann Medizin studieren. Franz zog es jedoch wieder zur geliebten Musik, die schließlich endgültig zu seinem Lebensinhalt werden sollte. Er wurde Schüler von Ignaz Ritter von Seyfried, dem er die noch in Zara komponierte Messe in F-Dur vorlegte. Sein Musikstudium finanzierte Franz durch Italienischunterricht. Unter Seyfrieds Anleitung schrieb er eine große Instrumentalmesse in C-Dur, zu der er eine Einleitung verfasste, die folgende bedeutungsvolle Worte enthielt: „Es ward mir gegönnt, den Unterricht des Meisters zu genießen, der mit siegender Gewalt die Töne beherrscht und dem der größte Genius der Neuzeit als seinem innigen Freunde seine wunderbaren Entdeckungen im Felde der Musik mitteilte, um sie der Welt zu übergeben als sein Vermächtnis ... Um Gott auf eine würdige Weise zu danken, ... ihm aus voller dankerfüllter Brust Hosianna zu singen und ihn zu bitten, mir auf meiner ferneren Bahn seine Gnade nicht zu entziehen, habe ich dieses Werk unternommen und nicht Zeit und Mühe gespart, um nach meinen besten Kräften mich des großen Meisters wert zu zeigen, dessen Schüler zu sein ich mich rühmen kann.“ Mit dem „größten musikalischen Genius der Neuzeit“ war Mozart gemeint, dessen Schüler Seyfried gewesen war.
Im September 1840 begann Franz von Suppè seine über vier Jahrzehnte währende Tätigkeit als Theaterkapellmeister, zunächst an dem von Franz Pokorny mit größtem Erfolg geleiteten Theater in der Josefstadt sowie an den gleichfalls von Pokorny geleiteten Bühnen in Baden, Ödenburg und Pressburg. Im Jahre 1845 erwarb Pokorny zur allgemeinen Überraschung das Theater an der Wien. Suppè folgte ihm als Kapellmeister für die nächsten 17 Jahre. Albert Lortzing war dort von 1846 bis 1848 sein Kollege und ihm freundschaftlich verbunden. Am 5. August 1850 starb Franz Pokorny, der große Förderer Suppès, ganz plötzlich. Zu seinem Andenken schrieb Suppè, der Pokorny seine künstlerische Laufbahn zu verdanken hatte, seine Missa pro defunctis, das Requiem, das aber erst fünf Jahre später, am 29. August 1855 vollendet und am 22. November desselben Jahres in der Piaristenkirche in Wien uraufgeführt wurde.

Auch als Kirchenmusiker suchte Suppè Anerkennung

Suppè blieb bis 1862 im Theater an der Wien. Hier wandte er sich auch erstmalig dem neuen, mit dem Erscheinen der ersten Werke Offenbachs aufgekommenen, Gebiet der Operette zu. Mit „Die schöne Galathée“, „Boccaccio“ und „Fatinitza“ feierte er seine größten Erfolge und gelangte auch zu beträchtlichem Wohlstand. Im fortgeschrittenen Alter traf ihn mit dem Tod seines einzigen Sohnes (1894), der ebenfalls sehr musikalisch und ihm auch sonst sehr ähnlich war, ein schwerer Schicksalsschlag. Künstlerisch wandte er sich wieder der Kirchenmusik zu. Suppè starb am 21. Mai 1895 in Wien und erhielt auf dem Wiener Zentralfriedhof ein Ehrengrab. Bei der Beisetzung des Sarges erklang das Libera me aus seinem Requiem, die Gedenkrede hielt der Musikschriftsteller R. Hirschfeld, der Suppè auch als Komponisten ernster Musik würdigte: „Sein letzter Wunsch war, auch als Kirchenkomponist, als Schöpfer ernster Arbeiten anerkannt zu werden“.

Nach Suppès Tod geriet das Werk in Vergessenheit. Eine Wiederaufführung durch die Wiener Singakademie am 21. Dezember 1901 war wenig erfolgreich. Die freundlichste Kritik sprach immerhin davon, dass „diese Komposition nicht rein kirchlich gehalten ist, aber durch die seelenvolle Empfindung von ungeheurer Wirkung ist und viele Tränen erpresste“, andere schrieben von „unverhüllten Italienismen“ und dass man „jeden Augenblick erwarte, der Komponist werde an der Pforten der Ewigkeit die Melodie seines Fatiniza-Marsches anstimmen“. Größeren Erfolg hatten Aufführungen in jüngerer Vergangenheit wie beispielsweise in Wien im März 1987 mit dem Wiener Singverein und dem ORF-Symphonieorchester unter Argeo Quadri im Wiener Musikverein.

Quelle:
Rudolf Grossmaier, Seminararbeit Suppè: Requiem, Wien 2003;
Rondo-Archiv; Johann Strauss Society-Archiv

Regina Hüser 

 

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